
Kaum ein Verkehrsmittel hat den deutschen Alltag in den letzten zehn Jahren so verändert wie das E-Bike. Was einst als Nischenprodukt für ältere Radfahrer galt, ist heute fester Bestandteil des Straßenbilds – ob auf dem Weg zur Arbeit, beim Wocheneinkauf oder in der Freizeit. Doch wie groß ist der E-Bike-Bestand in Deutschland tatsächlich, und wie hat sich der Markt zuletzt entwickelt? Ein Blick auf die aktuellen Zahlen der Fahrradbranche gibt Aufschluss.
Über 17 Millionen E-Bikes auf deutschen Straßen
Nach den im März 2026 veröffentlichten Marktdaten des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV), des Verbunds Service und Fahrrad (VSF) und der Initiative Zukunft Fahrrad waren Ende 2025 rund 17,2 Millionen E-Bikes in Deutschland im Bestand. Damit hat sich die Zahl der Elektrofahrräder seit 2015 mehr als versechsfacht: Damals lag der Bestand noch bei etwa 2,6 Millionen Stück.
Zusammen mit den klassischen, nicht motorisierten Fahrrädern kommt Deutschland damit erstmals auf einen Gesamtbestand von rund 90,6 Millionen Zweirädern. Das entspricht einem Plus von über 25 Prozent innerhalb von zehn Jahren und bedeutet: Rechnerisch besitzt heute mehr als jeder Einwohner Deutschlands im Schnitt ein Fahrrad.
Zum Vergleich zieht die Branche gern die Elektromobilität auf vier Rädern heran: Laut Kraftfahrt-Bundesamt knackte das E-Auto erst zum 1. Januar 2026 die Marke von zwei Millionen zugelassenen Fahrzeugen in Deutschland. Mit über 17 Millionen E-Bikes liegt die „Elektromobilität auf zwei Rädern“ damit weit vorn.
Wachstum verlangsamt sich, bleibt aber stabil
Auch wenn die absoluten Zahlen beeindrucken: Das rasante Wachstumstempo der vergangenen Jahre lässt spürbar nach. Zwischen 2020 und 2022 legte der E-Bike-Bestand teils zweistellig zu, 2025 fiel der Zuwachs deutlich moderater aus. Die Verbände sprechen von einer Marktphase, in der sich die Nachfrage auf hohem Niveau einpendelt, statt weiter sprunghaft zu wachsen.
Im Verkaufsjahr 2025 wurden in Deutschland rund 2 Millionen neue E-Bikes abgesetzt. Ihr Anteil am gesamten Fahrradmarkt lag bei etwa 52,7 Prozent – erstmals wurde damit mehr als jedes zweite verkaufte Fahrrad mit Elektroantrieb ausgeliefert. Insgesamt wechselten 2025 rund 3,8 Millionen Fahrräder und E-Bikes in Deutschland den Besitzer.
Einige Faktoren dämpfen aktuell die Wachstumsdynamik:
- Die Lagerbestände im Handel, die während der Pandemie stark aufgebaut wurden, normalisieren sich erst allmählich.
- Die Nachfrage nach Diensträdern über Leasingmodelle wie JobRad hat sich abgeschwächt, was in der Branche bereits zu Stellenabbau geführt hat.
- Die allgemeine Konsumzurückhaltung in Deutschland bremst auch größere Anschaffungen wie ein E-Bike.
Gleichzeitig meldet die Branche steigende Exporte: E-Bikes „made in Germany“ bzw. von deutschen Herstellern legten 2025 um rund 12 Prozent zu, während die Inlandsproduktion insgesamt zurückging und mehr importiert wurde.
Wer kauft heute E-Bikes – und was kosten sie?
Der E-Bike-Markt hat sich seit den Boomjahren spürbar verändert. Die durchschnittlichen Verkaufspreise für Elektrofahrräder gaben zuletzt leicht nach, da Rabattaktionen die Preise unter Druck setzen. Klassische Fahrräder blieben dagegen preislich stabil.
Auch bei den Käufergruppen zeigt sich ein Wandel: Die Branche selbst spricht davon, dass sich der Markt „reifer“ entwickelt. Der Kauf eines E-Bikes wird zunehmend nüchtern kalkuliert – etwa im Vergleich zu den Kosten für ein Auto, für den ÖPNV oder das Deutschlandticket. Besonders lohnend ist ein E-Bike demnach für Menschen mit regelmäßigen, mittleren bis längeren Pendelstrecken, bei Steigungen oder wenn ein Auto für kurze Wege unwirtschaftlich wäre. Für Vielfahrer bleibt zudem das steuerlich begünstigte Dienstradleasing ein wichtiger Kaufanreiz: Die Flotte an Diensträdern lag 2025 bei rund 2,2 Millionen Fahrrädern und E-Bikes.
Ausblick auf 2026
Für das laufende Jahr rechnen ZIV, VSF und Zukunft Fahrrad mit einer weiteren Stabilisierung auf hohem Niveau statt mit neuen Wachstumsrekorden. Als Chancen für die Branche gelten vor allem der Ausbau des Dienstradleasings und eine stärkere Professionalisierung der Werkstattleistungen rund um Wartung und Reparatur. Zudem will die Branche gezielt neue Zielgruppen erschließen, insbesondere Frauen und Kinder, um über die bisherige Kernkundschaft hinauszuwachsen.
Von der Politik erhofft sich die Fahrradwirtschaft bessere Rahmenbedingungen: mehr Sicherheit im Alltagsverkehr sowie eine Gleichbehandlung bei der Förderung unterschiedlicher Verkehrsmittel.
Fazit
Der E-Bike-Boom in Deutschland ist keine kurzfristige Modeerscheinung, sondern hat sich zu einer festen Größe der Mobilität entwickelt. Mit über 17 Millionen Elektrofahrrädern im Bestand und einem Marktanteil von mehr als 50 Prozent bei Neuverkäufen ist das E-Bike heute so alltäglich wie kaum ein anderes Fortbewegungsmittel. Die Wachstumsraten der Anfangsjahre werden zwar nicht mehr erreicht, doch der Markt zeigt sich robust und auf einem historisch hohen Niveau stabil – mit Potenzial für 2026 und darüber hinaus.
Quellen
- ZIV – Die Fahrradindustrie: Resilient im Gegenwind – Fahrradwirtschaft bleibt 2025 stabil
- ZIV – Die Fahrradindustrie: Marktdaten der Fahrradwirtschaft 2025 (PDF)
- ZIV – Die Fahrradindustrie: 2025 Market Data for the Bicycle Industry (PDF, englisch)
- Statista: Bestand an E-Bikes in Deutschland bis 2025
- MTB-News: Die ZIV Marktdaten 2025: Gravel boomt und E-Bike-Preise fallen
- NWZ Online: Zweiradmarkt – Erstmals über 90 Millionen Fahrräder in Deutschland